Danke noch mal für unser schönes Telefonat.

Deine Landschaftsbilder, die ich auf Instagram gefunden habe, gefallen mir sehr. Ich empfinde dieses Arbeiten als wirklich zeitgenössisches Defragmentieren der Splitter unserer Herkunft und aller dramaturgisch oft genug inkohärenten Erfahrungen unseres Lebens: dass sich eben nicht eins aus dem andern ergibt, sondern eine Fülle an Zufällen, Querverbindungen, halbstabilen Zuständen uns zu dem macht, was wir gegenwärtig sind. Du visualisierst dieses Zusammenfragmentieren aller Erinnerungen und der sinnlichen Jetzt-Erfahrung (ein letztlich „unmögliches“ Zusammenaddieren des Physischen wie Metaphysischen); Landschaft, aquarelliert und ausprojiziert von Erinnerungsfragmenten des Betrachters – Erzeugung einer in sich sprunghaften, weil multipotenten Gesamterinnerung, die für mich Reife bedeutet; im Grunde also die unbewusste (!) Visualisierung dessen, was wir dort schon einmal erfahren haben, bzw. die unwillkürlichen Projektionen  auf unsere Umwelt, die unser Hin- und Hergeworfensein als Menschen aufs Beste charakterisieren; nämlich – die Hilflosigkeit im unaufhaltbaren Lebensfluss. Die Vertrautheit des Heimischen, der Heimat, des In-der-Heimat-Seins – du sprachst ja von Heimat – visualisierst du also mit der multipotenten Emotion gezählter Erfahrungen. Das macht es faszinierend, deinen Bildern in ihrer Tiefe zu folgen. Aufreibend (Weglauftrieb), betäubend (Scham der Rückkehr), Freude u. alte Wärme weckend bis ins Romantisierte/Idealisierte (Distanz/ Schutz/intrinsische Musealisierung der Erinnerung hinsichtlich der Erzählbarkeit eigener Geschichte vor sich selbst und anderen). –

Dass Schärfe und Unschärfe deine Stilmittel sind, finde ich fabelhaft; das changiert eben gerade zwischen Abstraktem und total Greifbarem – Vertrautheit vs. Abstraktionsleistung/Entschlüsselung. Deine Bilder betonen immer, wie sehr wir den „digitalen“ Blick gewohnt sind, dass Digitales /Digitalisiertes unser Sehen (u. Denken!!) bestimmt (vgl. deine Bachelorarbeit): dass Fokussieren, Scharfstellen des jetzt exemplarischen Gedankens eines Aufwands bedarf, Energie kostet (quasi aktive „Entglitchung“, Entzerrung des Error-Symptoms). Deine Bilder möchten das punktuelle, meint: linerare, Denken aufheben, schaffen dies aber nicht restlos, da es meines Erachtens unmöglich ist, und so sind sie schon sehr nah dran, diesen Gesamtzustand aus Innerem und empfangenem Äußeren herzustellen – das Katalysatorische und zugleich herrlich Nebensächliche äußerer Kulisse für eine grelle bis düstere Innenwelt, weit von Balance entfernt und noch viel weiter vom Idealtopos gesättigter Weltzufriedenheit.

Das nur als ein paar laienhafte Gedanken zu deinen neuen Bildern, von denen ich erst wenige gesehen habe.

 

Freu mich, von dir zu hören,
schönen Abend und liebe Grüße